Kostenlose und robuste open Source Software: Audacity


Zugegeben, schön ist die Software nicht. Aber praktisch und zwar wie! Sie wird auch stetig weiter entwickelt. Und offenbar hat es unter den Chefentwicklern auch Menschen die gerne ihre Schallplatten digitalisieren. Audacity läuft auf Mac und Windows und Linux! Die Oberfläche lässt sich auf Deutsch wechseln.
Audacity kann bei richtiger Einstellung die Aufnahme automatisch mit dem "touch down" der Nadel auf der Platten starten, und mit dem "lift up" wieder stoppen. Es gibt eine Funktion um die Pausen zwischen den Stücken zu eruieren. Auch die Exportfunktionen lassen keine Wünsche offen (FLAC, Ogg Vorbis, MP3, WAF, AIF etc). Mit einem rudimentären Klickfilter ist es möglich aufgenommene Kratzergeräusche rauszurechnen.
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Mit einer Checkliste und einer detaillierten Anleitung möchte ich hier die Berührungsängste nehmen.
Die Audacity Installation ist zweistufig. Je nach Vorhaben muss nach der Installation noch eine Bibliothek geladen werden. Das ist aber auch benutzergeführt machbar.

Der Digitalisierungsworkflow:

a. Platte reinigen
b. Audacity einstellen
c. Mit Audacity aufnehmen (beide Plattenseiten in einem Rutsch)
d. Aufnahme bereinigen (Anfang, Mitte, Ende stutzen)
e. Pausen finden lassen und händisch setzen
f. In gewünschtem Format exportieren

Platte reinigen



Das Mindeste ist die Carbonbürste. Mit einem Microfastertuch und destilliertem Wasser reinigt man recht gut bei Kandidaten vom Flohmarkt. Unschlagbar wird es mit einer Plattenwaschmaschine. Objektiv das beste Gerät ist Audiodesk Vinyl Cleaner Pro. Es reinigt per Ultraschall und ein bisschen Chemie. Weshalb Ultraschall am besten reinigt? Googelt mal "Sinnersche Waschkreis" und "Ultraschall Reinigung Kavitation".

Audacity einstellen


Einstellung -> Geräte


Wähle bei der Wiedergabe Deinen DA Wandler. Hier ist das zB mein Teac.
Bei der Aufnahme wählst Du Deinen AD Wandler. Hier ist das zB mein Adicon, welcher mit eingestellten 96 kHz und fixen 24 Bit läuft.
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Einstellung -> Aufnahme


Unter Aufnahme ist die Pegelsteuerung zu aktivieren. So startet und stopt die Aufnahme automatisch mit dem Plattenspieler.
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Einstellung -> Qualität


In den Einstellungen muss die Samplefrequenz und das Format der Einstellung des AD Wandler entsprechen.
Das ist enorm wichtig, weil sonst ein down- oder verlustbehaftetes upsampling statt findet.
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Einstellung -> Programmoberfläche


Hier findet die Spracheinstellung statt. Wenn Du es gerne auf Deutsch hast - hier ist es!
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Im Arbeitsfenster markierst Du noch die Position Übersteuerung anzeigen. Das gibt die roten Linien im Oszillogramm wenn die Aufnahme geclippt resp. übersteuert wurde.

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Mit Audacity aufnehmen resp. digitalisieren


Klick auf den Aufnahmeknopf setzt eine neue Spur und wartet auf das Signal.

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Kommt das Signal, startet die Aufnahme automatisch.

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Sobald die Nadel von der Platte gehoben wird, stoppt die Aufnahme. Die Platte kann gewendet werden, die Nadel trifft auf den Platte und die Aufnahme startet wieder.

Nachdem die Platte zu Ende ist, muss die Stop Tasten gedrückt werden. Sonst lassen sich keine weitere Manipulationen machen. Das Stop drücken habe ich ein paar mal vergessen, und mich gewundert weshalb mir das Cutten oder Filteranwenden nicht gelingen will.

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Aufnahme bereinigen


Jetzt werden die unnötigen Passagen aus der Aufnahme geschnitten.
Markiere den Anfang (Nadelaufsetzer und Einlaufrille) und drücke die Löschen Taste:
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Markiere die Mitte, wo Du die Plattenseite gewechselt hast und lösche den Teil mit der Löschtaste.
Das wiederholst Du auch im letzten Stück bei der Auslaufrille der zweiten Seite:
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Kontrolle der Aufnahme



Bei fast jeder Schallplatte wirst Du Übersteuerungen (sogenannte Clipping, das sind die roten Linien im Oszillogramm) finden!
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Nur der obere Kanal ist übersteuert. In der unteren, neu enstandenen Textspur liest Du die Anzahl der geclippten Samles:
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Wenn Du die Übersteuerungspur nicht mehr brauchst, schliesse sie mit Klick aufs Kreuzchen:
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Hier habe ich das Oszillogramm mal aufgezoomt um Dir zu zeigen wie 13 Clippings auf der Ebene eines Samples (eines einzelnen Messpunktes) ausschauen.
Statt einer Kurve, wird im oberen Kanal eine durchgehende Linie aufgezeichnet:
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Überlegungen zur Aussteuerung und Übersteuerung (Clipping) beim Schallplatten digitalisieren



Spätestens wenn die Nadel über einen Krümel rast, wird eine Wahnsinnsausteuerung aufgezeichnet.
Damit sind Übersteuerungen auf jeder Vinylaufnahme unvermeidbar und normal.

Hingegen wenn die Musik stark übersteuert ist, ist in den übersteuerten Bereichen keinerlei Signalinformation erhalten.
Diese Aufnahme ist eigentlich ruiniert. Nun aber mal langsam mit den wilden Pferden. Wo beginnt der Ruin?
Wisse:
a. Ein Sample ist ein einzelner Messpunkt (die 24 bit Aussteuerung kennt 24hoch2 = 16.7 Millionen Zustände)
b. Beim Clipping wird die max. Aussteuerung von 16.7 Mio überschritten - es wird keine zusätzliche Information mehr aufgezeichnet. Nur noch der Vollausschlag vom Signal. Hier wäre ein analoges Tonband im Vorteil - es würde noch weiter aufzeichnen, wenn auch verzerrt. Hingegen bei digital ist hier Schluss - flatline.
c. mit 96 kHz = 96'000 Messungen pro Sekunde dauern 20 Samples nur 0.0002 Sekunden. Also 2/10 einer Millisekunde. Das kann man als Einzelevent in einem ohnehin lauten Soundstream unmöglich hören. Daher ist so ein einzelnes Clipping, oder in einem kleinen Grüppchen auch nicht schlimm.
Wir haben gelernt:
Beim zu hohen Aussteuern fängt man sich das Clipping ein. Clipping einer überschaubarer Samplezahl, mit einer tiefen Häufigkeit ist aber OK.

Weshalb soll ich dann nicht schwach aussteuern und dann das Oszillogramm digital bis an Anschlag hochrechnen?
Hier ist es der hohe Teppich an Grundgeräuschen welcher uns die Suppe versalzt. Wenn die Nadel durch die Vinlyrille heizt, schwingt sie immer etwas (auch ohne jede Rillenauslenkung) und führt so zum prinzipbedingten Grundrauschen ("Nadelfauchen") des Plattenspielers.
Würdest Du eine untersteuerte Aufnahme digital verstärken, würde auch das Nadelfauchen verstärkt.
Das ist das Letzte was wir bei einer Schallplatte haben wollen. Denn das hörst Du in leisen Passagen ganz sicher.
Die CD-Fraktion hält der Schallplatte zurecht den kleineren Dynamikumfang (Nutzsignal versus Störsignal "SN-Ratio") vor.
Mit dem digitalen Verstärken würde ich das Störsignal unnötig erhöhen.

Zur Aussteuerung wird auf ein paar repräsentativen lauten Stellen der Schallplatte die maximale Aussteuerung eingestellt.
Das ist also das -2 dB. Tonstudiomeister bleiben gerne unter -6 dB - aber wir müssen die Aufnahmen ja nicht grossartig weiterverarbeiten und leben mit sporadischem Clipping.

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e. Pausen finden lassen und händisch setzen



Die tollsten Funktion vom Audacity ist das automatische Auswerten von der ganzen Aufnahme, nach sehr leisen Stellen. Diese sind dann vermutlich die Pausen zwischen zwei Songs.
Damit das funktioniert, müsst Ihr zu allererst die Aufnahme stoppen.

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Unter dem Menupunkt Analyse ist der Silence Finder...

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Damit Ihr die nächste Einstellung versteht, prägt Euch die Dezibel (dB) Skala ein: 0 db = Vollsteuerung, -12 db leise Stelle, -24 db ganz leise Stelle, -36 db fast Ruhe.
Die Skale ist seltsam. Null ist Vollschub, und Minus ist dann immer leiser. Merkts Euch einfach.
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So, jetzt wird es spannend. Die Werte im Silence Finder Fenster würden laut gesprochen heissen:
Wenn das Signal mindestens 1.5 ganze Sekunden unter -27 dB bleibt, setze ein Label 0.5 Sekunden vor dem neuen Stück.
Aufgepasst: Wegen einem Bug müsst Ihr nach jeder Platte den Regler wieder einstellen. Tut ihr das nicht, zeigt der Fehlerdialog "XXX" und keine Pausenmarken werden gesetzt.

Bei knisterigen Platten muss der Wert eher auf -24 dB gesetzt werden, oder gar -21 dB

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Nachdem der Silencefinder durchlief, habt Ihr unten neu eine Textspur. Überall wo der Automatismus eine Pause von mindestens 1.5 Sekunden und weniger als -27 dB fand, steht jetzt eine Textmarke mit dem S (für Silence = Ruhe).
Beim späteren Export wird an dieser Marke die Aufnahme in einzelne Tracks unterteilt.

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Wenn wir die Textspur anschauen fallen uns Silencecluster auf (die Pausen dauerten mehr als 1.5 Sekunden) - diese müssen bereinigt werden:

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Und zwar ist es immer die letzte S Marke die stehen bleiben muss, die überzähligen vorderen Marken sind zu löschen.
Mit der rechten Maustalste reinklicken und Markierung löschen wählen.

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Dieser Multicluster am Ende der Aufnahme wäre nicht nötig gewesen, hätte ich brav vor dem "Silence finding" die Aufnahme auch am Ende gestutzt:
Diese Marken müssen aber auch unbedingt verschwinden, sonst hättet Ihr am Schluss fünf kurze Tracks mit dem Auslaufrillen Plop.
Ihr könnte auch mehrere Marken aufs Mal löschen, indem Ihr mit der Maus diese Marken überstreicht, aber Ihr müsst auch die beiden Tonspuren oben erwischen (roter Pfeil) - sonst divergieren die Tonspuren und Textmarken, dies bei Manipulationen inmitten der Aufnahme:
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Um Ein- und Ausblendungen richtig zu behandeln, schiebt Ihr die Marke am Knopf an die gewünschte Position:
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War die Lücke zu knapp, oder durchgehend zu laut für den Silencefinder, setzt Ihr händisch eine Marke.
Am besten mithören, indem Ihr die Passage mit der Maus markiert, und dann 2x die Space Taste drücken für den Abspielstart:
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Um die Marke zu setzen drückt Ihr die beiden Tasten: cmd und punkt.
Nun schreibt Ihr noch ein S rein.
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Wollt Ihr im Nachhinein etwas reinschreiben - müsst Ihr das Stiftwerkzeug aktivieren:
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Das Audacity Projekt wird abgespeichert. Dabei wir jeweils ein Indexfile und ein Folder abgelegt.
Eine seltsame Eigenheit von Audacity: Ihr dürft den Namen von Indexfile und Folder nicht auf Finderebene umbenennen. Muss ein Projekt unter anderem Namen abgespeichert werden, ist es zu öffnen und wieder "Projekt speichern unter..." zu wählen.

Grundsätzlich: Die Aufnahme selbst ist unverändert zu behalten. Alle Exporte egal ob FLAC, AIFF, WAV etc sind dann Kinder dieser Aufnahme.
Es wird gesagt (zum selber Ausprobieren hab ich keinen Antrieb): Auch verlustlose Formate wie FLAC sind nicht verlustlos. Das liesse sich beweisen wenn man ein FLAC zig mal hintereinander abspeichert und analysiert.

Ich lege pro Künstler oder Gruppennamen einen Ordner an und nehme für den Titel den Titel des Albums.
Habe ich mehrere Depeche Mode Alben, kommen alle in denselben Ordner.

Einen ernstzunehmenden Rat (im Screenshot verstosse ich leider selbst dagegen):
Verzichtet beim Beschriften auf Sonderzeichen - nehmt nur Buchstaben, Spaces!
Keine Kommas, Hochkommas, Strichpunke +/- Zeichen etc.
Grund: Bei einem Plattformwechsel, Serverwechsel, Playerwechsel rächen sich Sonderzeichen GARANTIERT.
Und mal ehrlich: Selbst wenn die Künstlerin "soap&skin" heisst, werdet ihr sie finden wenn sie mit "soap and skin" angeschrieben wurde.



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In gewünschtem Format exportieren



Bevor blind ins iTunes exportiert wird, möchte ich einen Gedanken anregen. Wozu überhaupt iTunes? Ich habe mir das Program abgewöhnt.
  • Den "shuffle" Mode habe ich jetzt 15 Jahre lang exzessiv beübt, und er macht mich nicht mehr glücklich. Eine CD oder eine Platte ist letztlich ein Konzept vom Künstler, mit einem Anfang, einem Ende, einer Stimmung, einem Groove. Beim hören einzelner Stücke geht das Konzept verloren, ich zerfleddere ja das Cover auch nicht in 8 Fetzen und betrachte diese einzeln.
  • iTunes ist bei Puristen nicht wohl gelitten. Es steht im Verdacht - und diesen teile ich - den Sound nicht neutral zu behandeln
  • Das ständige Update- und Vertragsgequengel geht mir auf die Nerven
  • Das iPhone brauche ich nicht mehr zum Musikhören, ich will meine Tracks vollkommen unabhängig vom Device, Userprofil, Anzahl Geräten synchronisieren und habe mir einen FiiO X3 gekauft und bin von der Qualität geplättet. Ein wechselbares 128 GB MicroSD Kärtchen kostet 50 Franken. Im Gegensatz zum fest verbauten iPhone RAM, werft ihr den Speicher beim Playerwechsel auch nicht fort.
Hängt der Mac mit einem Digital Wandler am Verstärker, kann man die Aufnahmen auch gleich vom Audacity hören! Platte für Platte - so wie früher.

Will man seinen portablen Player beschicken, muss man exportieren.
Beim Exportformat gibt es eine klare Hackordnung: MP3 steht zu unterst, Flac zu oberst.
Ich habe überhaupt nichts gegen hoch aufgelöstes MP3 (320 kB/s), ich hörte und höre das seit ca. 15 Jahren.
Es ist auch nur unverdorbenen und jungen oder extrem geschulten Gehören möglich in den Höhen MP3 eindeutig zu entlarven.
Es gibt zwei Reportagen- und Testartikel von der Computerzeitschrift c't. Diese befasste sich mit MP3 gegen CD und haben inhaltlich nicht an Aktualität verloren. Quelle 1, Quelle 2

Letztlich geht mir das Rausrechnen von Informationen aber doch gegen den Strich. Vermutlich ergänzt das Gehirn die fehlende Information und das scheint mir nicht richtig. Zudem - Komprimieren muss man nur, wenn man Speicherplatz sparen muss. Mit den heutigen Harddiskpreisen verstehe ich das Sparkonzept aber nicht mehr.